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Erster Medientermin ist absolviert 😉 http://ift.tt/2tZmQLb
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…und wo lest ihr so?

(vielen Dank an Stefan Kutzenberger für dieses neiderregende Foto ;)) http://ift.tt/2v2v5Ll

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„Liebwies“ spotted in der Buchhandlung Leykam, Deutschlandsberg… http://ift.tt/2eIVsiE
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Der Paul – Kurzgeschichte

 

Als ich eintrete, fällt mir wieder als allererstes die Maria auf.  Meine Großeltern haben nämlich ein Herrgottswinkerl im Esszimmer, mit einem Kruzifix drin und einer Maria, und dass irgendwas daran faul gewesen ist, ist mir als Kind schon aufgefallen.  Wenn wir darunter gesessen sind und Tee getrunken haben, hab ich nie wegschauen können von dieser Maria. Sie ist dagehockt mit ihrem viel zu dicken Jesuskind und hat  mich angegrinst mit eisblauen Augen. Gütig hätte ihr Lächeln wohl sein sollen, hinterlistig aber war es, als wäre das Jesuskind nur so fett, um dahinter etwas zu verbergen  „Schön, dass dir das Bild gefällt. Das hat ein ganz bekannter Künstler gemalt“, hat der Opa immer gesagt, weil ich es so angestarrt habe.  Ich habe damals schon gewusst, dass die Maria ein Geheimnis gehabt hat.

Heute aber hängt sie nicht in ihrem Winkel, sondern liegt am Esstisch. Komisch flach sieht sie aus von oben, sie grinst gar nicht mehr und das Christuskind ist nur ein Haufen Fleisch, das sie hält. Ohne ihren dicken Goldrahmen sind die beiden wie nackt. Mir ist nie aufgefallen, wie verblasst die Farben sind. Ich stelle den Kuchen und die Flasche Wein dazu, die mir meine Mutter mitgegeben hat. Wie Rotkäppchen, denke ich.

Die Oma sitzt auf einem Stuhl und trägt Sonntagstracht und ein buntes Tuch um die Schultern. Sie hat wohl damit gerechnet, dass heute jemand auf Besuch kommt. Mir fällt nicht ein, ihr wievielter Geburtstag das eigentlich ist. Der erste seit der Opa tot ist. Ich setze mich zu ihr. „Ach du bist’s“, sagt sie. Sie blickt die Stelle an der Wand an, die früher die Maria eingenommen hat. Stattdessen steckt dort in dem übergroßen Rahmen jetzt das kleine Foto eines Mannes, ein alter

Zeitungsausschnitt, schwarz-weiß, und der Mann ist nicht besonders schön. Ich gehe kurz die Bekannten von der Oma durch, aber es sind nicht viele und keiner sieht ihm ähnlich.

„Das ist der Paul“, sagt die Oma. Wir bleiben schweigend nebeneinander sitzen und starren den Paul an. Er hat hängende Augenringe, magere Wangen und eine große Nase. Der Opa ist schöner gewesen, als er jung war.

„Hinter der Maria hat der Paul gewartet, bis jetzt“, sagt die Oma nach einiger Zeit. „Bis jetzt“, sagt sie, weil sie nicht „bis der Opa endlich tot war“ sagen will. „Aber gehängt ist er da immer, das schwöre ich. Nur dem Opa hätt’s eben nicht gefallen.“

Ich frage mich, ob vielleicht meine Mutter das Kind dieses Fotos ist und ich also dessen Enkelkind und ob der ganze Opa eine Lüge gewesen ist.  Ich nicke und versuche, bewundernd auszusehen. Die Oma schaut mich an, als hätte sie mich etwas gefragt. Ich nicke weiter. „Kennst ihn nicht?“, fragt die Oma. Während ich aufstehe und mir den Paul von näher anschau (schöner wird er nicht, nur körniger, schwarze und weiße und graue Punkte), lehnt sich die Oma zurück und sagt: „Paul hat er nämlich mit erstem Vornamen geheißen, mit richtigem. Aber nur seine Vertrauten haben ihn so genannt. Seine Frau und ich. Sonst kennt man ihn nur unter seinem zweiten Namen.“ Ich frage brav:

„Unter welchem?“ (Pauls Gesicht wird unförmiger, je länger man schaut, und plötzlich passen die Augen gar nicht mehr zusammen), und die Oma antwortet: „Joseph“, als würde das alles erklären.

Ich nicke wieder.

„Er ist übrigens der einzige gewesen, der jemals an mich geglaubt hat.“ Wie sie den Satz ausspricht, klingt er wie aus einem ganz alten Film. Sie klopft auf den Sessel neben sich, damit ich mich wieder setze.

„Ich bin ein schönes Mädchen gewesen. Schöner als du“, sagt sie dann und rückt so nahe an mich heran, dass ich ihren Atem spüre,  sogar den Mundgeruch spüre ich. Ich denke daran, dass der Opa tot ist und dass sie Geburtstag hat und bleibe tapfer sitzen. Die Oma rollt ihre „R“s jetzt plötzlich vorne an den Zähnen wie eine alte Burgschauspielerin: „So schön bin ich gewesen, dass man von der ganzen Schule mich ausgewählt hat. Als er unser Dorf besuchen kam, war ich es, die ihm ein Gedicht aufsagen und Blumen überreichen durfte. Seine Frau und die vielen Kinder hat er mitgebracht. Weißt du, was mein Paul zu mir gesagt hat?“ Ihr Gesicht wird plötzlich rot, sie beginnt aufgeregt mit den Füßen zu zappeln wie ein  Kind, aber auf ihre schöne neue Sprache vergisst sie trotzdem nicht: „So ein hübsches, hat er gesagt, so ein natürliches Mädchen, und eine süße Stimme hat sie wie ein Vögelchen. Wir wollen doch nächstes Jahr diesen Film drehen, und ich glaube, ich habe meine Hauptdarstellerin gefunden! Bist du bereit, Kleine, ein Filmstar zu werden?“ Den letzten Satz schreit sie fast.

Bitte, altes Herz, steh das durch, denke ich, meine Mutter würde schließlich doch nur mir die Schuld geben und nicht dem alten Paul. Ich frage mich, ob ich nur so zur Ablenkung den Kuchen anschneiden und den Wein ausschenken soll, und der böse Wolf kommt mir in den Sinn. Da verstummt die Oma plötzlich, lehnt sich im Sessel zurück und lässt den Kopf hängen.

„Und dann?“, frage ich vorsichtig, hauptsächlich um zu testen, ob sie noch antworten kann. Die

Oma nuschelt in den Blusenkragen: „Umgebracht hat er sich. Mit all seinen Kindern und der Frau.

Hat überhaupt keinen Film mehr produzieren können, der Herr Propagandaminister.“ Sie hebt den Kopf wieder und blickt den Paul an, als wäre er eine endlose Weite. „Aber er hätte mich hier herausgeholt. Ich wäre sein Star gewesen“, sagt sie dann und lächelt.

Die Maria am Küchentisch lässt ihre Mundwinkel hängen und ihre Augen sind farblos, das Christuskind ist ihr viel zu schwer, jeden Moment wird sie es fallen lassen.

„Ruf aber an, bevor deine Mutter zu Besuch kommt“, sagt die Oma, als ich mich verabschiede. Ich habe ihr noch gar nicht zum Geburtstag gratuliert.  „Deine Mutter versteht so was nämlich nicht. Da häng ich besser die Maria wieder auf.“

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Leseproben

Die Isländerin – Szenen

SZENE 1

KRIEMHILD allein.

KRIEMHILD

ich träumte, ich zöge mir einen falken. einen starken, schönen, wilden, den mir zwei adler erkrallten. es könnte mir nie ein größeres leid geschehen, als das mitanzusehen.

und als ich erwachte, vom eigenen herzschlag geweckt, schrie ich nach meiner mutter, und meine mutter kam, und wollte wissen, was denn los wäre, warum ich so schrie, und ich erzählt‘ den falkentraum. meine mutter lauschte und kochte kamillentee und schließlich sprach sie: der falke, den du ziehst, das ist ein edler mann. gott möge ihn behüten, sonst ist es bald um ihn getan.

dabei glaubt sie gar nicht an gott. und ich glaube nicht an träume. ich habe in meinem leben besseres zu tun, als mir einen falken zu ziehen.

 

 

 

SZENE 2

UTE und KRIEMHILD. KRIEMHILD liest ein buch. UTE strickt. plötzlich reißt ihr faden.

 

UTE

und an mich denkt natürlich wieder keiner!

 

KRIEMHILD

mama!

 

UTE

schon gut, kriemhild. ich weiß es ja. die zukunft gehört der jugend. ich muss euch nicht verstehen.

 

KRIEMHILD

so ist es. schade um die schöne wolle.

 

UTE

herrgott, ich werde sie ja wieder zusammenknüpfen! ich frage mich doch nur, warum dein bruder sich und uns und burgund unbedingt vor aller welt blamieren will. was er sich dabei denkt.

 

KRIEMHILD

er denkt eben nicht, er liebt.

 

UTE

liebe! er weiß von dieser frau doch nur, was man so reden hört. und selbst das ist nur schlechtes!

 

KRIEMHILD

weil sich die leute immer gern die mäuler zerreißen. ich bin sicher, da ist nichts wahres dran.

 

UTE

umso schlimmer. dann weiß gunther rein gar nichts über sie und glaubt trotzdem, sie zu lieben.

 

 

KRIEMHILD

find dich damit ab, mama! ich kann’s schon nicht mehr hören. dein sohn heiratet eben eine isländerin, so ist es nun einmal entschieden.

 

 

UTE

über meinen kopf hinweg!

 

KRIEMHILD

über alle köpfe hinweg, mama. gunther ist der könig.

 

UTE

seine macht hat auch ihre grenzen. und seine vernunft, ganz offensichtlich. island, ausgerechnet.

 

KRIEMHILD

und warum denn nicht ausgerechnet island?

 

UTE

eine gotin, von mir aus, eine vandalin, wenn es sein muss, eine aus gallien. aber island. wer soll einen könig ernst nehmen, der eine isländerin ehelicht? man wird denken, er hat sie im katalog bestellt. man wird denken, er hat hier keine haben können.

 

KRIEMHILD

er hat hier auch keine haben können.

 

UTE

er hat sich nicht bemüht, das ist der grund! burgundische frauen wollen umworben sein. man muss ihnen etwas bieten können, aber hat man so eine burgunderin erst mal überzeugt, hat man ihr herz gewonnen, dann ist sie nicht so…

 

KRIEMHILD

so was?

 

UTE

so wie isländerinnen eben sind.

 

KRIEMHILD

mir scheint, du hast da deine erfahrungen? ach, jetzt erst fällt mir ein: ganz burgund geht aus dem leim vor lauter isländern, man kann nicht auf die straßen gehen, ohne auf einen isländischen fuß zu treten,  eine isländische schulter zu rammen,  isländischen schweiß zu riechen. ist es nicht so? gerade wir müssen doch wissen, wie echte isländer so sind! wie unsere westentaschen kennen wir sie, wie unsere gürtel!

 

UTE

mach dich nicht lächerlich, kriemhild. du weißt nicht, wie es dort ist.

 

KRIEMHILD

du auch nicht. du hast noch keine einzige person getroffen, die jemals in island gewesen ist, nicht einmal auf urlaub!

 

UTE

dort fährt man auch nicht auf urlaub hin.

 

KRIEMHILD

vorurteile, mama, so nennt man das, oder dummheit. du hast angst vor einer welt, von der du keine ahnung hast!

UTE

aber du hast ahnung, bist allwissend, das allwissende hildchen?

 

KRIEMHILD

weltoffen, ja, das bin ich, und neugierig, und tolerant und burgund halte ich nicht für den himmel auf erden, und das buch hier ist stinklangweilig!

 

KRIEMHILD schlägt das buch zu.

 

UTE

ich habe es dir auch nicht gegeben, um dich zu unterhalten. das buch burgund ist wichtig. gerade in deinem alter ist es wichtig.

 

KRIEMHILD

erfahrungen, die sind wichtig in meinem alter, und die stehen in keinem buch! aber du erlaubst mir ja nichts. weißt du was, mama? ich bin sogar froh, dass die isländerin kommt. sie wird neuen wind in unseren mief bringen. endlich eine erfahrung, eine echte, und nicht das ewig gleiche, fade buch burgund!

 

UTE

kriemhild, du stellst dir das so einfach vor! guck mal, in island… die haben doch ganz andere götter als wir.

 

KRIEMHILD

du glaubst gar nicht an gott!

 

UTE

nein, aber ich gehe regelmäßig in die kirche. das macht einen unterschied.

 

KRIEMHILD

ja, das macht tatsächlich einen unterschied. in island sind die menschen nicht so verlogen wie hier.

 

UTE

du weißt nichts von ihnen.

 

KRIEMHILD

wenn sie glauben, glauben sie. wenn sie feiern, feiern sie. wenn sie lieben, lieben sie. sie sind ursprünglich. sie tragen keine masken, spielen kein theater. sie leben. das ist der unterschied und das wird unsere erfahrung sein.

 

UTE

sie wissen nichts von den burgundischen werten. burgundische grundrechte, burgundische kultur!

 

KRIEMHILD

burgundische werte – du und dein buch burgund! benimmregeln hälst du für unsere bibel!

 

UTE

gesetze, kriemhild. gesetze und privilegien und rechte. unsere freiheit und nicht weniger steht festgeschrieben in unserem buch burgund. du bist nun erwachsen, kriemhild. ich will, dass du unsere kultur verstehst. deine kultur. die kultur der zukunft. du wirst auch einmal kinder haben, kriemhild.

 

KRIEMHILD

als hätte ich nichts besseres zu tun.

 

UTE

du willst in einer freien welt leben, du willst dich nett anziehen, du willst deine meinung sagen und deine musik hören – nun, dann lies das buch burgund! du weißt nicht, wie glücklich du bist, hier geboren worden zu sein.

 

KRIEMHILD

nein, das weiß ich wirklich nicht. je länger du sprichst, desto mehr hasse ich burgund. jeden tag das gleiche lied. wo sind die brüder, mama? – oh, sie sind im krieg, heute schlagen sie den angelsachsen die köpfe ein. beute? ja natürlich, es geht immer um die beute. kaufen wir uns doch was nettes und bezahlen es mit abgetrennten angelsachsennasen! was bekommt man hier für eine speerdurchbohrte milz? könnten sie mir ein abgeschnittenes ohr bitte in zwei ausgestochene augen wechseln? danke, sehr freundlich! was kostet das kleid da? ein ganzes angelsachsenbein? das ist zu viel, sie wucherer. ich gebe ihnen einen fuß und keinen zehen mehr!
und dann gehen wir alle in die kirche und du nennst das dann kultur!

 

UTE plötzlich sehr ruhig.

ich möchte dir etwas erzählen, kriemhild. ich will dir von island erzählen. du glaubst, dass ich keine ahnung habe. aber das stimmt nicht. ich war auch einmal jung, ich habe auch einmal gedacht wie du, wollte die welt sehen, nein, die welt erfinden wollte ich. ich weiß, wie island ist. es ist sehr kalt dort oben. im sommer hat es niemals mehr als fünfzehn grad. es regnet häufig. das leben ist rau, vergnügungen rar. bildung hat keine bedeutung. man verlegt sich auf das fleischliche. eine frau ist nicht viel wert. junge mädchen sitzen überall zu hauf in heißen quellen, wie am silberteller angerichtet, nackt und appetitlich schön. manche von ihnen sind von selbst hineingesprungen, um der kälte zu entfliehen.andere aber wurden von ihren familien dorthin geschickt. warte hier auf ein besseres leben, sagen isländische mütter und väter, und hoffen, dass es ihren kindern wirklich einmal besser geht als ihnen. die politiker sind korrupt, die versorgungslage schlecht.

manchmal kommen männer vorbei und fischen in den quellen. auch burgundische männer. aber kaum wittern die weiber burgundisches blut, beginnen sie sich aufreizend zu rekeln in ihren dreckslöchern, bis die männer den verstand verlieren und ihre angeln auswerfen. dann ziehen sich diese männer eine isländerin heraus. bei burgundern beißen die frauen nämlich immer an. sie lieben jeden burgunder mit angel.

ich kann es ihnen gar nicht übel nehmen. die isländischen männer trinken. wenn sie getrunken haben, schlagen sie die frauen. auch den männern nehme ich es nicht übel. es ist nur die frustration darüber, dass es niemals wärmer wird, dass es niemals zu regnen aufhört, dass island niemals burgund sein wird. das treibt ihre fäuste an. das ist deine isländische ursprünglichkeit.

in island gibt es ein sprichwort, das man nur unter vorgehaltener hand ausspricht: glücklich, wer island verlassen kann. aber glücklich werden die frauen auch nicht in burgund. reich vielleicht, weil sie übermütig alles nehmen, was sie in die finger kriegen. die fische nehmen ihre fischer aus. alles ist besser als island. ich wollte dich nicht beunruhigen. nun aber bin ich froh, es getan zu haben.  ich kann die welt ja nicht ewig vor dir verstecken.  du weißt gar nicht, wie glücklich du bist.

 

KRIEMHILD schweigt.

 

UTE

wirst du das buch burgund nun lesen?

 

 

KRIEMHILD

aber sie können doch nichts dafür.

 

UTE

wer?

 

KRIEMHILD

die isländerinnen. das sagst sogar du. es sind die umstände.

 

UTE

natürlich. man wird nicht freiwillig zur hure. und ich nehme es ihnen nicht übel, dass sie eine bessere zukunft suchen. aber ich mache mir auch mütterliche sorgen. du hast schon recht. gunther kann hier keine haben.

 

KRIEMHILD

ich habe es nicht so gemeint, als ich das sagte.

 

UTE

doch, das hast du. und du hast recht. gunther ist eben kein siegfried.

 

KRIEMHILD

das nicht gerade, aber doch…

 

UTE

die isländerin heiratet nicht meinen gunther, sie heiratet sein geld. und sein land, sein buch burgund. sie hätte jeden genommen mit burgunderpass.

 

KRIEMHILD

das wissen wir nicht.

 

UTE

das weiß ich. sie wird ihn enttäuschen, sein herz zerbrechen, aber was soll ich tun. gunther ist erwachsen, gunther ist der erwachsene könig. auch er wird, wie hast du es so schön genannt, seine erfahrungen machen müssen. aber es geht ja nicht nur um gunther, es geht doch auch um dich. du bist jetzt in so einem alter, kriemhild.

 

KRIEMHILD

in welchem alter?

 

UTE

diese geschichte mit siegfried. das sieht man doch.

 

KRIEMHILD

da ist nichts zu sehen.

 

UTE

es ist ja nur natürlich. ein junger mann kommt aus der fremde, großgewachsen, gut gebaut, weiße zähne, heißer blick, er tritt so plötzlich in dein leben, du bist nun einmal in so einem alter.

 

KRIEMHILD

ich weiß, was du sagen willst. aber siegfried und ich – wir sind nur freunde.

 

UTE

ich kann dir sagen, was für freunde ihr seid. er wird um deinen gürtel anhalten! oder hat er gar schon gefragt?

 

KRIEMHILD

mama!

 

UTE

ich sehe doch, wie er dir beim reden immer nur auf die schnalle starrt.

 

KRIEMHILD

er starrt mir nicht auf die schnalle!

 

UTE

er wünscht sich nichts sehnlicher, als diese schnalle zu polieren. das sagen seine augen. und wenn er nun fragt, wirst du ihm ihn geben, den gürtel?

 

KRIEMHILD

darüber will ich nicht reden. nicht mit dir, mama. das ist ekelig.

 

UTE

so einen gürtel bekommt man nicht mehr wieder. ist er einmal abgelegt, so ist er verloren oder aber in guten händen. man muss vorsichtig sein. im falschen moment geöffnet und man steht ohne hose da, dem falschen gegeben und schon ist die zukunft verschenkt. es ist nicht nur, aber auch eine berufswahl. ich will nicht sagen, dass siegfried der falsche wäre. er ist nämlich der richtige. aber der zeitpunkt muss überlegt sein. die art und weise. das rundherum. es muss alles stimmen. wir burgunder sind nicht prüde, so lange alles stimmt. du bist noch so jung. ich will dich nicht von so einer isländerin beeinflusst sehen. man sagt, in island tragen sie gar keine gürtel.

 

KRIEMHILD

sicherlich tragen sie gürtel! wer sagt denn sowas?

 

UTE

ich halte es für wahrscheinlich. wofür sollten sie beim quellenbaden denn auch gürtel tragen? jedenfalls will ich nicht, dass dir deine schwägerin einen isländischen floh ins ohr setzt. sicherlich, die isländerin kann nichts für ihr sein. aber meine kinder gehen vor. ich muss auf dich aufpassen, kriemhild!

 

KRIEMHILD

das musst du nicht. ich bin doch nicht dumm. ich passe sehr gut auf mich auf und auch auf meinen gürtel. wer weiß, vielleicht behalt‘ ich ihn für immer.

 

 

UTE

sag doch sowas nicht!

 

KRIEMHILD

außerdem lasse ich mich nicht beeinflussen, von niemandem. weder von ihr noch von siegfried noch von dir, mama. und weißt du was?

wir werden gut zu ihr sein, zur isländerin. wir werden so gut zu ihr sein, dass sie ihre vergangenheit vergisst. sie ist doch nur eine isländerin geworden, weil ihr niemand eine chance gegeben hat, etwas anderes zu sein. aber ich werde ihr unsere sprache beibringen, und dass sie ihre meinung sagen darf und dass sie keiner mehr mit der angel schlägt. ich werde ihr sogar das buch burgund vorlesen, wenn du das möchtest. du wirst schon sehen, wie gut alles wird. sie wird mich nicht hinunterziehen, ich werde sie erheben! wir werden freundinnen sein. vielleicht will auch sie ihren gürtel behalten, und dann leben wir gemeinsam gut begürtelt selbstbestimmt und kämpfen für den frieden….

 

UTE

da wird gunther sich aber bedanken, der isländische gürtel ist ihm schon versprochen.

 

KRIEMHILD

auch seine macht hat seine grenzen.

 

UTE

seine macht als könig vielleicht, aber seine macht als mann… und du solltest auch an siegfried denken.

 

KRIEMHILD

ich sollte jetzt an die isländerin denken. die isländerin ist meine bestimmung.

 

UTE

dann soll sie von mir aus kommen, die verfluchte isländerin, wenn du das so unbedingt willst! aber müssen wir sie denn gleich zur königin machen? ein burgundervolk von einer isländerin regiert. das kommt doch einer besatzungsmacht gleich. als wäre unsere familie in den umfragewerten nicht schon tief genug gesunken. nun gibt gunther dem volk auch noch einen guten grund zum groll! eine isländische königin! und wenn dann die revolution nicht kommt, sprechen wir plötzlich alle isländisch und kleiden uns isländisch und nennen unsere kinder guntherson und gernotdottir… gunther überlegt es sich noch einmal. siegfried soll mit ihm reden. er wird gunther schon auf den rechten weg zurückbringen. er ist ein vernünftiger mensch. und ein patriot.

 

KRIEMHILD

siegfried kommt aus xanten.

 

UTE

dort ist er geboren. aber sonst ist siegfried ist ein wahrer burgunder, er spricht wie ein burgunder und benimmt sich auch so.

 

KRIEMHILD

da hast du allerdings recht.

 

UTE

auf ihn setze ich jetzt meine hoffnung. der hat etwas anderes im kopf als deine naiven träumereien.

 

KRIEMHILD

ja, märchen.

 

UTE

immerhin hat er schon einen drachen besiegt.

 

KRIEMHILD

davon sprech ich doch.

 

UTE

dann wird er wohl mit so ein bisschen liebe fertig werden.

 

KRIEMHILD

du glaubst ihm seine angebergeschichten?

 

UTE

ich nicht, aber alle anderen. er ist einer, auf den die leute hören. wenn er sich für etwas einsetzt, erreicht er es auch. und er ist ein vernünftiger mann, er wird schon wissen, auf welcher seite er zu kämpfen hat. denn eines sag ich dir, kriemhild: ich sterbe, bevor ich auch nur ein isländisches wort über meine lippen lasse! über meine lippen oder die lippen meiner kinder!

 

(…)

 

SZENE 5

 

BRUNHILD

ich träumte, ich zöge mir einen falken. einen starken, schönen, wilden, den mir zwei adler erkrallten, und in der luft zerfetzten, sodass die federn flogen, das falkenblut spritzte, die hirnflüssigkeit tropfte. die glieder waren bald abgerissen, ein beinloser, flügelloser vogel, mein falke, sie hackten ihm die gedärme heraus, genüsslich fraßen die adler: die falkenleber, die falkenmilz, den falkendarm, falkenluft- und speiseröhre, die falkenlunge und schließlich, ja, endlich, zerhackten sie das falkenherz. mein starker, schöner, wilder falke – ein falkenbrei. die adler aber flogen fort, sattgefressen. ich blieb zurück, verrückt vor trauer, warum so traurig, brunhild? war es nicht nur ein falke, kannst du dir nicht einen anderen ziehen? doch plötzlich spürte ich den tod in meinen adern: der falke war ich selbst gewesen.  ich wollte die adler suchen, doch meine augen waren ausgestochen, wie sollte ich sie finden. ich wollte mich an die adler erinnern, aber mein hirn war zermalmt, wie sollte ich denken. so lag ich tot in meinem namenlosen unglück.

aber als ich erwachte, vom eigenen herzschlag geweckt, in diesem harten bett, an dieser kalten wand, da kam es mir in den sinn: gunther und siegfried waren die satten schnäbel, die mich fraßen. und ich hasste sie, ich hasste ganz burgund, hasste die frauen, hasste den gürtel und den pullover, wollte alles zerreißen, wollte sterben wie im traum, aber als ich wieder einschlief, hatte ich die adler schon wieder vergessen. die alpträume werden vergehen. der tod ist nicht so endgültig, wie man manchmal glaubt.

 

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Der Klang der Frauen – Probekapitel

14. Kapitel

 

Das Büro von Elias Zwirbel war einmal der schönste Ort und er selbst der schönste Mann der ganzen Stadt gewesen. Bei seinem Büro hatte vor allem die Aussicht, bei ihm selbst der Schnurrbart den Ausschlag gegeben. Aussicht wie Schnurrbart waren zwar immer noch vorhanden, aber die Schönheit darin war verloren gegangen. Wenn Zwirbel an seinem Schreibtisch saß, überblickte er immer noch die prächtigen Wahnsinnsbauten, mit denen der Kaiser sich noch schnell ein überdimensionales Denkmal gesetzt hatte, als hätte er geahnt (und vielleicht hatte er das auch), dass dies ein Denkmal seiner ganzen Dynastie, des Kaisertums an sich werden musste. Darum hatte er es wohl auch als notwendig erachtet, die gesamte Weltgeschichte in Gebäudeform in die Stadt zu schreiben: Das Universitätsgebäude trug das Gesicht der florentinischen Renaissance, das Rathaus war als gotisches Bürgerhaus verkleidet und das dem Kaiser verhasste Parlament trug das wenigstens optisch ansprechende Kleid der Antike. So also konnte Zwirbel die in nur wenigen Jahren aus der Erde gestampfte Geschichte der Welt, wie der Kaiser sie sah, überblicken. Früher hatte er den Anblick als „prächtig“ empfunden.

Seit dem Ende des Krieges aber arbeitete Zwirbel nur noch bei künstlichem Licht. Die Vorhänge blieben verschlossen, die Vergangenheit blieb draußen. Denn die beeindruckenden Bauten warfen lange Schatten auf die Bettler, auf die Invaliden, auf die Straßenkinder. Und diese Leute blickten immer so anklagend zu den prachtvollen Häusern der Straße hinauf, als wären diese es gewesen, die den Balkankrieg, den Weltkrieg, den Bürgerkrieg heraufbeschworen hatten. In einem dieser feinen Bürgerhäuser saß nun Zwirbel und wurde von den boshaften Blicken getroffen. Dabei war er auch im Krieg gewesen, hatte es sogar zum Unterstabsführer gebracht. Dafür, dass er seine Finger bisher nur beim Geigen- und gelegentlich beim Liebesspiel trainiert hatte, war er nicht schlecht gewesen im Bedienen eines Gewehrabzugs, er konnte in atemberaubender Geschwindigkeit nachladen und schießen, nachladen und schießen, und traf immer. „Dem Juden Zwirbel ist es zu verdanken, dass so mancher Franzos‘ keinen Froschschenkel mehr fressen wird“, hatten ihn seine Kameraden gefeiert. Seine große Beliebtheit aber erlitt ein plötzliches Ende, als der Krieg ein solches erlitt. Zwirbel kehrte von der Westfront zurück, ohne sich auch nur ein Knie aufgeschlagen zu haben. Er war weder in eine Explosion noch in einen Gasangriff geraten, er war weder angeschossen noch zu Boden gestoßen worden. Er hatte sich nicht einmal beim Kartoffelschneiden geschnitten oder war nach einer zu feuchtfröhlichen Nacht gestolpert. Sein Schnurrbart, den er seinem Nachnamen zu Ehren jeden Morgen mit viel Wachs in die rechte Form brachte, glänzte wie eh und je. Und das war es, warum er die Straßen, ja, auch nur einen Blick auf die Straßen von seinem Schreibtisch aus, mied. Er wusste genau, was da unten von ihm gesprochen wurde. „Gerade der Jude Zwirbel natürlich ist verschont geblieben. Was für ein Zufall! Wo doch jeder weiß, dass die Judenbande verteilt ist über den ganzen Kontinent, sodass sie keine wahren Patrioten sind, sondern einfach nur Juden, gegen ganz Europa verschworen. Der Krieg wäre von uns wohl schnellstens gewonnen gewesen, wenn es in unseren Armeen keine Zwirbels gegeben hätte, die ihres eigenen Vorteils wegen mit Froschfressern und Engländern unter einer Decke steckten. Und sein Geld hat er von Rockefeller.“

Die Annahme, Zwirbel wäre ein großer Vaterlandsverräter, beschädigte nicht nur seinen Ruf, sondern auch sein Geschäft. Viele national denkende Bürger mieden es nun, ihren musikalischen Nachwuchs auf Zwirbels Konservatorium zu schicken und blickten sich stattdessen lieber nach „echt deutschen“ Lehrern um. Dass Zwirbel vor dem Krieg ein gefeierter Konzertgeiger war und man viel Geld auf den Tisch gelegt hatte, um auch nur eine Stunde an seiner Musikschule zu absolvieren dürfen, schien vergessen zu sein. Der Krieg hatte die Vergangenheit fortgespült und man musste schon ein massives Bauwerk wie etwa das Rathaus sein, um eine solche Flut zu überstehen. Sein einst glühender Blick wurde schal, sein einst eindrucksvoller Bart wurde grotesk.
Zwirbel gab seine Arbeit trotzdem nicht auf. Er setzte sich jeden Tag in sein abgedunkeltes Büro. Er stellte neue Lehrer ein und warb neue Schüler an, er gab selbst Unterricht und spielte sogar wieder Konzerte, zu denen wenigstens noch die jüdische Gemeinde und einige eingefleischte Bewunderer von klassischer Musik und Zwirbels Geigenspiel (oder, im Fall einiger unverbesserlicher Verehrerinnen, seinem Schnurrbart) kamen. Unter Musikkennern besaß er immer noch eine gewisse Autorität. Außerdem veranstaltete er jährlich Aufführungen mit seinen Schülern: Operetten und Singspiele, die sich sogar beim einfachen Volk großer Beliebtheit erfreuten, Jude hin oder her. Die Geschäfte liefen schlechter, aber verglichen mit den Menschen auf der Straße, hatte er wohl noch Glück gehabt.

 

An jenem Tag aber, in dessen Verlauf er auch noch die Freundschaft Christoph Wagenrads verlieren sollte, hatte Zwirbel bereits zu Mittag das Gefühl, dass ein kleiner sauberer Schuss in den Kopf und ein schnelles Ende im Schützengraben ein kleineres Übel bedeutet hätte als weiterhin das Konservatorium zu leiten. Am Morgen hatte ihn die Meldung erreicht, dass wieder eine Studentin aus „rassischen Bedenken“ den Unterricht aufgeben wollte und ihn wieder um einige Kronen (er vertraute dem Schilling nicht und rechnete daher immer noch um) ärmer machte. Im Anschluss daran hatte Madame Kurnikova sein Büro gestürmt. Sie hatte mit ihrer Körpermasse den ganzen Raum ausgefüllt, mit ihrer Stimme aber den ganzen Bezirk. Sie hatte gebrüllt, dass sie eine Gehaltserhöhung bräuchte, geheult, dass sie mit dem miesen Stundensatz, den Zwirbel ihr bot, ihre Miete nicht bezahlen könnte und noch als Hure enden müsste, und am Schluss hatte sie auch noch einen Schwächeanfall, den Zwirbel nur durch eine Zusage von einer zwanzig prozentigen Gehaltserhöhung beenden hatte können. Da hatte sie sich zu Frieden die Haare geordnet und war wieder hinausmarschiert. Wäre Madame Kurnikova keine so ausgezeichnete Gesangslehrerin gewesen, hätte Zwirbel sie schon zehn Mal gefeuert.

Tatjana Pavelovna Kurnikova kam aus altem, russischem Adel, was ihr 1917 freilich zum Verhängnis wurde und sie zur Flucht in den Westen zwang, den sie aber von ausgedehnten Konzertreisen und einigen Kuraufenthalten bereits gut kannte. Sie war schon damals nicht mehr ganz jung gewesen, und ihre ganze Persönlichkeit war ganz und gar im 19. Jahrhundert verhaftet. Ihren Hang zum Übermaß hielt sie für ihr Geburtsrecht. Zwirbel wusste gar nicht, wie sie es anstellte, in schlechten Zeiten wie diesen ihr beeindruckendes Übergewicht zu halten. Alles, was dezent war, hielt sie für Sozialismus, und Sozialismus hielt sie für ein Verbrechen. Sie sah den Umstand, dass sie nicht mehr an große Opernhäuser engagiert wurde, sondern sogenannte „höhere Töchter“ unterrichten musste, bereits für den Abstieg in die Arbeiterklasse. Davon versuchte sie mit allen Mitteln abzulenken. Ihr schlohweißes Haar verbarg sie unter quietschbunten Hüten, ihr Hals war mit Dutzenden Perlenketten behängt, ihre Röcke waren stets so ausgestellt, dass sie sich damit jedermann mehrere Meter vom Leib halten konnte. Aber wenn diese lächerliche Person, deren Akzent eine abenteuerliche Mischung aus russisch und französisch darstellte, eine Bühne betrat und den Mund aufmachte, konnte man seinen Augen nicht trauen: eine Stimme, so klar wie eine Jännernacht und so gewaltig wie der Himalaya. Und auch ihren Schülerinnen entlockte sie ungeahnte Töne und noch mehr Tränen. Wer nicht zumindest einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, hatte nicht wirklich bei Madame Kurnikova studiert. Einmal hatte sie einer Schülerin mit dem Taktstock beinahe das Auge ausgestochen. „Na und?“, hatte Madame Kurnikova gesagt, nachdem Zwirbel sie darauf angesprochen hatte, „Danach ‚at ihr ‚ohes C tadellos geklungen!“ Tatsächlich hatte noch keine einzige Gesangsschülerin ihre Ausbildung bei Madame Kurnikova aus freien Stücken abgebrochen, die eine oder andere allerdings war wegen mangelndem Eifer, mangelndem Talent oder auch nur einer schlechten Tagesverfassung der Madame von ebenjener hinausgeworfen worden. So war es bis zum heutigen Tage geblieben, womit sich Madame Kurnikova selbstverständlich auch bei ihrem neuesten Anfall gebrüstet hatte. „Trotz Ihres Rufes, Monsieur Zwirbel, bleiben meine Mädchen mir treu!“

Immer, wenn Madame Kurnikova ihm wieder ein Theater machte, musste Zwirbel sie sich in ihren größten Rollen in Erinnerung rufen, um nicht einfach seinem ersten Impuls nachzugeben und ein Entlassungspapier aufzusetzen. Außerdem waren sie auf eine sehr eigenartige Art und Weise schon seit Jahren miteinander befreundet. Sie wechselten zwar kaum ein freundliches Wort miteinander, aber trotzdem suchten sie die gegenseitige Nähe. Sie gingen regelmäßig miteinander zu Opernvorstellungen oder Tanzveranstaltungen, nur um hinterher verschiedener Meinung zu sein. Das hatten sie schon vor dem Krieg so gemacht, als Madame Kurnikova nur gelegentlich, etwa in Rahmen einer Tournée, in die Stadt kam, und das taten sie immer noch. Keine Revolution und kein Weltkrieg konnte Madame Kurnikova davon abhalten, anderer Meinung als Zwirbel zu sein, und diese Kontinuität wusste Zwirbel zu schätzen.  Heute aber fiel es ihm besonders schwer, sich auf die guten Seiten der Kurnikova zu besinnen. Die Stimme seiner ehemaligen Schülerin („Ich habe Bedenken aus rassischen Gründen…) und das Geschrei von Madame Kurnikova („Mehr gönnen Sie mir nicht, Monsieur Zwirbel? Wo ich doch so viel für getan ‚abe…“) vermischte sich in seinem Hirn zu einem Wortbrei, der ihm Kopfschmerzen verursachte. Dazu mischten sich Schüsse, die man in der Ferne hören konnte. Wohl waren wieder zwei Parteien aneinander geraten und versuchten, ihre Reibereien auszufechten. Vielleicht waren es aber auch nur geplatzte Reifen gewesen. Irgendwoher kam der Lärm irgendeiner Protestveranstaltung, rhythmisch skandierte Parolen, die Zwirbel nicht verstehen konnte. Zwirbel krümmte sich über seinen Schreibtisch und steckte sich die Finger in die Ohren. Er versuchte, sich vorzustellen, wo das noch alles hingehen sollte, mit seinem Konservatorium, mit seiner Welt, mit sich selbst. Hätte nur einer dieser verdammten Franzosen nicht daneben geschossen, dann würde er sich diese Fragen nicht mehr stellen müssen. Aber das war ja das Problem mit den Franzosen: Sie schossen immer daneben.
Als es plötzlich an der Tür klopfte, schreckte er wie aus einem Alptraum auf, erleichtert, aber verschwitzt, mit klopfendem Herzen. Es war seine Sekretärin, Fräulein Schmidt. Noch war er hier, noch bestand das Konservatorium, noch hatte er eine sogar hübsche Sekretärin, die sich um ihn kümmerte. Er fasste wieder Mut. Noch waren die Zeiten gar nicht so schlecht, wenn man nur die Vorhänge geschlossen ließ.

„Bitte?“, fragte er mit gespieltem Ärger, damit Fräulein Schmidt glauben würde, sie hätte ihm bei einer wichtigen Arbeit gestört.

„Pardon“, antwortete Fräulein Schmidt, „aber ein gewisser Herr Wagenrad bittet um Einlass.“

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Lesung in der Steiermärkischen Landesbibliothek

Impressionen von meiner Lesung in der Steiermärkischen Landesbibliothek am 23. Juli 2014.

Lesung 1
Photo by Franz Preitler
Lesung 2
Photo by Franz Preitler

 

Danke an alle, die dabei waren! Mir hat’s sehr viel Spaß gemacht, euch hoffentlich auch ein kleines bisschen!